Turnen

Die Geschichte des Turnens

Leibesübungen sind aus dem angeborenen Spieltrieb und aus dem Leistungsbedürfnis des Menschen heraus und auf der Grundlage seiner natürlichen Bewegungen entstanden, und zwar bereits in der Frühgeschichte der Menschheit. Bis zu 7 000 Jahre alte Zeugnisse darüber, Felszeichnungen, Reliefs, Figuren, Sport­ und Spielgeräte finden sich in allen Kulturen, bei Ägyptern, Babyloniern, Skandinaviern, Asiaten. Bei den antiken Festspielen der griechisch­römischen Kulturen gewannen sportliche Wettspiele ab 800 vor unserer Zeitrechnung große Bedeutung; Kelten verehrten sportliche Leistungen in Heldengedichten; bei germanischen Stämmen gewannen Leibesübungen auch wehrhafte Züge und dienten der Vorbereitung zum Kampf; im Mittelalter standen Leibesübungen im Mittelpunkt ritterlicher wie volkstümlicher Spiele und Wettbewerbe.

In der Zeit der Aufklärung (18. Jahrhundert) empfahl der französische Philosoph und Pädagoge Jean­Jacques Rousseau Leibesübungen und Wandern als sportliche Betätigung zur körperlichen Kräftigung und freiheitlichen Disziplinierung und betonte die sozialen Werte des Wettbewerbs. Unter den Philanthropen (wörtlich: Menschenfreunde; eine aufklärerische Bewegung im 18. Jahrhundert, die die „natürliche Erziehung“ inklusive körperlicher Ertüchtigung forderte) gilt Johann Christoph Friedrich Guts Muths (1759 1839) als „Groß­ und Erzvater“ des heutigen Turnens und der Gymnastik. Er prägte den Satz: „Gymnastik ist Arbeit im Gewande jugendlicher Freude.“ In Schnepfenthal/Thüringen legte er den ersten deutschen Turnplatz an.

Der „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn (1778 1852) gilt als der eigentliche Begründer des Turnens und der deutschen Turnbewegung. Er richtete 1811 in der Berliner Hasenheide seinen Turnplatz ein und erfand 1812 die Turngeräte Barren und Reck. Im volkstümlichen Turnen sah er eine Möglichkeit, die physische und moralische Kraft des Volkes zu stärken. Im Kampf Preußens gegen Napoleon gehörte Jahn zu den Mitbegründern des Lützowschen Freikorps‘, viele Anhänger seiner Turnbewegung betrachteten es als ihre vaterländische Pflicht, sich den Freiwilligenverbänden anzuschließen. 1816 schrieb Jahn das Buch „Deutsche Turnkunst“, es gilt bis heute als klassisches Werk der Turnliteratur.

Nachdem 1819 der Dichter und Diplomat August von Kotzebue, Gegner der Jahnschen Turnbewegung, von einem Jahn­Anhänger ermordet worden war, wurde im Land Preußen die Turnsperre verhängt, der sich die meisten deutschen Länder anschlossen. Weil das Turnen im Freien verboten war, zogen sich die Turner in Hallen zurück. Das führte zur Entwicklung des Geräteturnens. Jahn selbst wurde verhaftet, dann aber freigesprochen. Als „Wiedergutmachung“ für erlittene Festungshaft und Verunglimpfung verlieh ihm der Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. das Eiserne Kreuz und gewährte ihm eine Leibrente. 1848 wurde Jahn als preußischer Abgeordneter in die Erste Deutsche Nationalversammlung nach Frankfurt berufen.

Die Turnsperre wurde erst 1842 aufgehoben. Danach entwickelte sich das Turnvereinswesen sprunghaft. 1868 wurde die Deutsche Turnerschaft gegründet, 1893 der Arbeiter­Turner­Bund. Unter dem Hitler­Regime wurden die Dachverbände aufgelöst und dem Reichsbund für Leibesübungen einverleibt. 1950 wurde der Deutsche Sportbund (DSB) gegründet, der Deutsche Turnerbund (DTB) wurde Mitglied des DSB. Dem DTB gehören heute zirka 15 000 Vereine mit annähernd 4 Millionen Turnern an.

Turnen wird von Frauen und Männern jeden Alters ausgeübt. Das leistungsbezogene Kunstturnen ist seit 1896 im olympischen Programm. Nationale, Europa­ und Weltmeisterschaften finden in allen Turnsportarten statt, letztere alle 2 Jahre, jeweils in den ungeraden Jahren. In Jahren vor Olympischen Spielen dienen sie zugleich als Olympiaqualifikation.